Ratgeber

Warum die lautesten KI-Kritiker die größten KI-Anfänger sind

Zwei Wochen vor der EU-Kennzeichnungspflicht streiten Spiegel und Pioneer über KI im Journalismus. Wer das Werkzeug nie gelernt hat, kann es weder verbieten noch nutzen.

Christian Gasche Aktualisiert: 16.07.2026

Am 14. Juli tritt Dirk Kurbjuweit vor seine Redaktion und verkündet einen Beschluss, der wie eine Selbstverständlichkeit klingen soll: Der Spiegel lässt seine Texte nicht von einer Künstlichen Intelligenz schreiben oder umschreiben. Die Begründung des Chefredakteurs ist fast rührend. KI habe kein Gemüt, keine Leidenschaft; das Ziel bleibe „das bestmögliche Menschenmedium". Zwei Tage später antwortet Gabor Steingart, Gründer von The Pioneer, mit einer Häme, die selbst für seine Verhältnisse ungewöhnlich scharf ausfällt. Kurbjuweits These sei schlicht „schwachsinnig", kontert er: Auch der Fahrstuhl sei kalt gegenüber dem Treppensteigen, das habe noch niemanden davon abgehalten, ihn zu benutzen. Kurbjuweits Haltung nennt er eine „romantisch verklärte Technologieverschlossenheit", einen Rückzug ins „Romantiktal", während die eigentliche Aufgabe darin bestünde, die Moderne zu gestalten.

Beide haben recht. Und beide irren.

In 19 Tagen, am 2. August 2026, tritt die Kennzeichnungspflicht nach Artikel 50 des europäischen KI-Gesetzes in Kraft, konkretisiert durch einen Code of Practice der EU-Kommission. Wer KI-generierte Inhalte zu Themen von öffentlichem Interesse ohne redaktionelle Kontrolle veröffentlicht, muss das kenntlich machen, sonst drohen Bußgelder bis zu 15 Millionen Euro. Der Zeitpunkt für diesen Streit könnte kaum schlechter gewählt sein: Ausgerechnet jetzt, wo Transparenz zur Pflicht wird, diskutiert die deutsche Medienbranche lieber über Verbote und Verhöhnung als über Kompetenz.

Kompetenz vor Kritik

Kurbjuweits Verbot und der Fall der NZZ-Deutschlandredaktion sind zwei Seiten derselben Münze. Cicero-Journalist Ulrich Thiele hat Ende Juni 52 Artikel des neuen Berlin-Chefredakteurs Florian Eder mit dem Analysetool Pangram geprüft und einen begründeten Verdacht dokumentiert. Monatelang. Nicht ein einzelner Ausrutscher. Wer daraus schließt, die Lösung heiße Verbot, hat die eigentliche Lehre nicht verstanden: Bei der NZZ hat niemand hingesehen, bei Kurbjuweit soll erst gar niemand mehr hinsehen müssen, weil pauschal nichts mehr stattfindet. Beide Fehler wurzeln in derselben Lücke. Niemand in der jeweiligen Redaktionsleitung hat sich ernsthaft mit dem Werkzeug auseinandergesetzt, das er entweder komplett verbietet oder unbeaufsichtigt laufen lässt. Wie sich das seriös lösen lässt, beschreibt KI-Texte, die wirklich funktionieren: mit einem redaktionellen Qualitätsprozess statt Verbot oder Beliebigkeit.

Wer ein Werkzeug nie gelernt hat, kann es weder sinnvoll verbieten noch verantwortungsvoll nutzen. Er kann nur glauben, dass er es beurteilt.

Sparringspartner statt Fragemaschine

Genau hier liegt das Missverständnis, das die halbe Debatte trägt. Wer KI als Fragemaschine behandelt, tippt eine Bitte ein und übernimmt die Antwort, ungeprüft. Genau das ist bei der NZZ offenbar über Monate passiert, sollte sich Thieles Verdacht bestätigen. Ein Sparringspartner funktioniert anders. Er widerspricht, er zwingt zur Präzisierung der eigenen These, bevor überhaupt ein Satz das Haus verlässt. Selbst Adrian Lobe, der in der taz-Sommerserie gegen den KI-Einsatz im Journalismus argumentiert, beschreibt genau dieses Potenzial, wenn er KI als stark in der „Diskurssimulation" bezeichnet. Er zieht daraus den falschen Schluss, nämlich Verzicht. Der naheliegendere Schluss wäre: Genau deshalb taugt sie als Gegenüber, nicht als Ghostwriter. Wie sich das im redaktionellen Alltag umsetzen lässt, beschreibt KI-Redaktionssystem für Agenturen ausführlicher: Prozess und Urteil statt reiner Tool-Nutzung.

Eine Fragemaschine liefert Antworten. Ein Sparringspartner liefert Widerspruch. Nur einer von beiden macht den Text besser.

Wer nicht denkt, bekommt, was die KI will

Die dritte These klingt nach Küchenphilosophie, ist aber die härteste im ganzen Streit. Ein Text hat einen Kern, die Beobachtung, die ihn trägt, das Urteil, das ihn ordnet. Kommt dieser Kern nicht vom Menschen, entscheidet die KI selbst, wohin der Text will; und sie entscheidet nach der wahrscheinlichsten Richtung, nicht nach der richtigen. Beim NZZ-Fall lässt sich das im Nachhinein nicht mehr beweisen. Nur vermuten. Aber die Vermutung allein ist schon Warnung genug: Ein Sparringspartner ohne eigene These des Redakteurs wird zum Autor, und ein Autor ohne Auftraggeber schreibt, was ihm gerade einfällt.

Eine KI ohne menschliche Fundamente schreibt nicht schlecht. Sie schreibt einfach das, was am wahrscheinlichsten klingt. Genau das ist das Problem.

Skills sind die Handschrift, die man sich nicht abnehmen lässt

Yessenia Funes bringt es in derselben taz-Serie auf den Punkt, ohne es überhaupt auf KI zu münzen: Journalisten könnten sich nicht länger hinter dem „Vorhang der Objektivität" verstecken, sie hätten Gefühle, eine eigene Stimme. Ironischerweise ist das die eigentliche Antwort auf Kurbjuweits Sorge um das fehlende Gemüt. Eine Stimme lässt sich nicht wegdiskutieren, aber sie lässt sich auch nicht einfach voraussetzen; sie muss definiert werden, in Regeln, die eine KI tatsächlich befolgen kann. Wie das technisch aussieht, zeigt KI-Texter richtig einrichten.

Ein Selbstversuch, unschön, aber ehrlich: Ich habe eigene Texte aus dem Jahr 2016, geschrieben acht Jahre vor der ersten brauchbaren Textgenerierung, durch Pangram gejagt. Das Tool erklärte 73 Prozent davon für KI-generiert. Was das über die Verlässlichkeit solcher Detektoren aussagt, kann sich jeder selbst ausrechnen, was es über die NZZ-Recherche aussagt, allerdings auch. Mit einem eigens definierten Skill, der Stil, Satzbau und Verbotswörter für die eigenen Texte festschreibt, sollte derselbe Test spürbar niedriger ausfallen, erste Läufe deuten auf rund 30 Prozent, vielleicht auch mehr, vielleicht weniger. Auf jeden Fall wertet das Tool die ersten 300 Wörter als 100 Prozent Human-Written. Danach folgen drei Absätze die zu mehr als 50 Prozent angeblich von KI geschrieben sind? Belastbar sind alle diese Zahlen nicht. Zumal man bedenken muss: Diese Tools wollen ihre eigene KI-Dienstleistung verkaufen und machen angeblich aus KI-generierten Texten "Human-Written". Ein Schelm, wer böses dabei denkt :-)

Zurück zum Skill: Wer eine solche Handschrift vorher nicht definiert, klingt zwangsläufig wie die KI selbst, nicht weil die KI schlecht wäre, sondern weil ihr niemand gesagt hat, wie er selbst eigentlich klingt. Wie sich das konkret liest, zeigen die Arbeitsproben aus der Redaktion besser als jede Behauptung hier.

Wer seinem Werkzeug nie gesagt hat, wie er klingen will, sollte sich nicht wundern, wenn es klingt wie jeder andere.

Die eigentliche Sorge müsste der Kompetenzlücke gelten

Während Steingart und Kurbjuweit sich in der Presse beharken, zeigt das TechnikRadar 2026 der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften ein nüchterneres Bild: Neun von zehn Deutschen glauben, KI treffe schlechtere Entscheidungen als sie selbst. Einer Bitkom-Umfrage zufolge würden mehr als vierzig Prozent lieber in einer Welt ohne KI leben. Auf Unternehmensseite nennen laut Bitkom-Studienbericht 2026 53 Prozent fehlendes Know-how im eigenen Team als größte Hürde, 46 Prozent der Industrie sehen sich selbst als Nachzügler. Das deckt sich mit dem, was KI-Governance zeigt: 98 Prozent der Unternehmen haben eine KI-Strategie, nur 39 Prozent auch verbindliche Regeln dazu. Das sind keine Zahlen über KI. Das sind Zahlen über fehlende Ausbildung. Kein Randphänomen.

Genau darin liegt die Pointe, die weder Kurbjuweit noch Steingart trifft. Es geht nicht um Verbot gegen Enthusiasmus. Es geht darum, wer sich die Mühe macht, das Werkzeug tatsächlich zu lernen: Regeln zu definieren, Ergebnisse zu prüfen, Verantwortung zu behalten. Wer stattdessen pauschal verbietet oder pauschal begeistert ist, hat sich um genau diese Arbeit gedrückt.

Am 2. August tritt die Kennzeichnungspflicht in Kraft, 19 Tage nach Kurbjuweits Verbot. Bis dahin bleibt eine Frage offen, unbequem für beide Seiten des Streits: Wer hat die Kontrolle über den eigenen Text eigentlich zuerst verloren, der Chefredakteur, der ihn vorsichtshalber ganz verbietet, oder die Redaktion, die ihn wochenlang unbemerkt laufen ließ?

Häufige Fragen

Ist es erlaubt, KI-generierte Texte zu veröffentlichen? Ja, grundsätzlich schon. Ab dem 2. August 2026 gilt nach Artikel 50 des EU AI Act eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte zu Themen von öffentlichem Interesse, wenn keine redaktionelle Kontrolle stattgefunden hat. Wer den Text redaktionell prüft und verantwortet, fällt in aller Regel nicht darunter.

Woran erkenne ich, ob ein Text von einer KI geschrieben wurde? Zuverlässig gar nicht. Tools wie Pangram liefern Wahrscheinlichkeiten, keine Beweise, und stufen selbst Texte, die Jahre vor ChatGPT entstanden sind, fälschlich als KI-generiert ein. Das eigentliche Kriterium ist nicht die Herkunft, sondern ob ein Mensch die Aussage verantwortet.

Was bedeutet es konkret, KI als Sparringspartner statt als Fragemaschine zu nutzen? Man gibt der KI die eigene These vor und lässt sie widersprechen, Gegenargumente liefern oder Formulierungen variieren, statt ihr die Frage zu überlassen und die Antwort unverändert zu übernehmen. Die Entscheidung, was am Ende stimmt, bleibt beim Menschen.

Wie definiere ich einen eigenen Skill für meinen Schreibstil? Indem man die eigenen Regeln so konkret aufschreibt, dass eine KI sie tatsächlich befolgen kann: verbotene Wörter, typische Satzlängen, Struktur, Tonfall, mit Beispielen für richtig und falsch. Ohne diese Definition greift die KI auf den wahrscheinlichsten, also generischsten Stil zurück.

Häufige Fragen

Ist es erlaubt, KI-generierte Texte zu veröffentlichen?

Ja, grundsätzlich schon. Ab dem 2. August 2026 gilt nach Artikel 50 des EU AI Act eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte zu Themen von öffentlichem Interesse, wenn keine redaktionelle Kontrolle stattgefunden hat. Wer den Text redaktionell prüft und verantwortet, fällt in aller Regel nicht darunter.

Woran erkenne ich, ob ein Text von einer KI geschrieben wurde?

Zuverlässig gar nicht. Tools wie Pangram liefern Wahrscheinlichkeiten, keine Beweise, und stufen selbst Texte, die Jahre vor ChatGPT entstanden sind, fälschlich als KI-generiert ein. Das eigentliche Kriterium ist nicht die Herkunft, sondern ob ein Mensch die Aussage verantwortet.

Was bedeutet es konkret, KI als Sparringspartner statt als Fragemaschine zu nutzen?

Man gibt der KI die eigene These vor und lässt sie widersprechen, Gegenargumente liefern oder Formulierungen variieren, statt ihr die Frage zu überlassen und die Antwort unverändert zu übernehmen. Die Entscheidung, was am Ende stimmt, bleibt beim Menschen.

Wie definiere ich einen eigenen Skill für meinen Schreibstil?

Indem man die eigenen Regeln so konkret aufschreibt, dass eine KI sie tatsächlich befolgen kann: verbotene Wörter, typische Satzlängen, Struktur, Tonfall, mit Beispielen für richtig und falsch. Ohne diese Definition greift die KI auf den wahrscheinlichsten, also generischsten Stil zurück.