Im Mai 2026 meldete der Fachdienst Medieninsider innerhalb weniger Tage zwei Sparprogramme, die zusammengelesen ein Muster ergeben. Bei Bild werden Stellen im größten Ressort gekürzt, intern soll Springer-Chef Mathias Döpfner den KI-Einsatz als Grund genannt haben, der „bestimmte Aufgaben und Jobs überflüssig" mache. Beim Spiegel soll bis 2028 mehr als sieben Millionen Euro eingespart werden, auch beim Personal. Beide Häuser bestätigen damit etwas, das in vielen Redaktionen längst als offenes Geheimnis gilt: KI verändert, wer wofür gebraucht wird, und zwar zuerst dort, wo die Arbeit sich am leichtesten standardisieren lässt.
Was in der öffentlichen Debatte oft verloren geht, ist eine einfache Unterscheidung. Nicht alles, was KI kann, ist auch das, was einen Journalisten oder eine Kommunikationsabteilung eigentlich ausmacht.
Welche Jobs sind im Journalismus durch KI gefährdet?
Laut dem Übermedien-Podcast mit Medienjournalist Marvin Schade, der beide Sparmeldungen recherchiert hatte, betreffen die Kürzungen bei Bild und Spiegel vor allem Produktion und Layout. Genau diese Aufgaben lassen sich technisch am saubersten automatisieren: eine Seite umbrechen, Bildunterschriften formatieren, eine Agenturmeldung in ein festes Format gießen. Das ist Handwerk, aber kein Urteil.
Konkrete Stellenzahlen für 2026 hält Medieninsider hinter einer Paywall zurück, was seriös ist, denn Zahlen ändern sich schnell und sollten nicht ungeprüft weitergereicht werden. Belegt ist der Vorgang selbst: Bild kürzt im größten Ressort, der Spiegel spart mehrstellig bis 2028, beide mit KI-Bezug. Was fehlt, sind belastbare Zahlen zur redaktionellen Kernarbeit selbst, zur Recherche, zur Einordnung, zum Bewerten von Quellen. Und das ist kein Zufall, sondern der eigentliche Befund.
KI ersetzt zuerst die Arbeit, die sich in eine Vorlage pressen lässt. Alles andere bleibt vorerst eine Frage des Vertrauens, nicht der Technik.
Was von der journalistischen Arbeit beim Menschen bleiben muss
Hier widersprechen sich zwei Stimmen aus der Branche interessant. Schade selbst wertet den KI-Einsatz beim Redigat nicht per se negativ: Für kleinere Redaktionen ohne Millionenbudget könne KI-Unterstützung durchaus hilfreich sein, sagt er im Podcast, und es sei „fast schon ehrenhaft", wenn Verlage lange an Personal festhalten, obwohl Aufgaben technisch längst ersetzbar wären.
Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert vom VOCER-Institut warnt dagegen vor einer schleichenden Nebenwirkung, die schwerer zu beziffern ist als eine Stellenzahl. In seinem Beitrag „Klasse gemacht" schreibt er, KI ersetze schleichend die journalistische Urteilskraft, nicht durch Stellenabbau, sondern durch Gewöhnung: „Bequemlichkeit ist das eigentliche Gift für den Journalismus", weil sie „Zweifel, Reibung und Widerspruch aus dem Arbeitsalltag herausfiltert." Zweifel und Reibung sind aber genau das, was einen Text vor einem falschen Zitat, einer erfundenen Quelle oder einer bequemen, aber falschen Zuspitzung bewahrt.
Beide haben recht, nur auf unterschiedlichen Ebenen. Schade beschreibt die betriebswirtschaftliche Realität kleiner Redaktionen. Weichert beschreibt das Risiko für alle, auch für große Häuser mit Budget: Wer sich an die Bequemlichkeit der Maschine gewöhnt, verlernt womöglich genau die Fähigkeit, die den Unterschied macht, sobald etwas nicht ins gewohnte Muster passt.
Wie viele Jobs verändert KI wirklich?
Zur Einordnung eine Zahl, die häufig zitiert und oft missverstanden wird. Die McKinsey-Studie „A New Future of Work" bezifferte bereits im Mai 2024 bis zu drei Millionen deutsche Arbeitsplätze, die bis 2030 von KI-bedingter Veränderung betroffen sein könnten, rund sieben Prozent der Beschäftigung. Entscheidend ist das Wort Veränderung, nicht Verlust: Gemeint sind Jobs, deren Aufgabenzuschnitt sich wandelt, nicht drei Millionen Kündigungen. Eine Folgestudie des McKinsey Global Institute von Mai 2026 rechnet für Deutschland vor, dass sich rund 59 Prozent der derzeitigen Arbeitsstunden technisch automatisieren ließen, mit erheblichem Produktivitätspotenzial. Auch das ist eine Aussage über technische Möglichkeit, nicht über tatsächliche Umsetzung; zwischen beiden liegt in der Praxis meist mehr Zeit, als Prognosen suggerieren.
Drei Millionen betroffene Jobs klingt nach Verlust. Gemeint ist Wandel. Der Unterschied entscheidet, wie eine Organisation darauf reagiert.
Was bedeutet KI-Stellenabbau im Journalismus für den Mittelstand?
Wer als Geschäftsführer oder Kommunikationsverantwortlicher im Mittelstand die Bild- und Spiegel-Meldungen liest, sollte die Übertragung nicht zu plakativ ziehen; die redaktionelle Struktur eines Verlags ist etwas anderes als eine Marketingabteilung mit drei Personen. Übertragbar ist aber die Grundunterscheidung: Was lässt sich standardisieren, und was verlangt ein Urteil, das die eigene Marke, den eigenen Kunden, die eigene Situation kennt? Eine Pressemitteilung im immer gleichen Format zu produzieren, ist eine Aufgabe für KI-Unterstützung. Zu entscheiden, ob diese Pressemitteilung in einer angespannten Marktlage überhaupt der richtige Ton ist, bleibt eine Aufgabe für einen Menschen mit Erfahrung.
Ich habe diese Grenze in der eigenen Arbeit nicht sofort richtig gezogen. In den ersten Monaten mit Sprachmodellen ließ ich auch Aufgaben automatisieren, die im Ergebnis mehr Nacharbeit brauchten, als sie Zeit sparten, etwa erste Entwürfe für Kundenreden, bei denen die Tonlage jedes Mal neu justiert werden musste. Die Lehre daraus war nicht, KI seltener einzusetzen, sondern genauer hinzusehen, wo sie wirklich trägt und wo sie nur so aussieht.
Wer diese Grenze für die eigene Organisation ziehen will, findet eine Vertiefung dazu im Artikel „Automatisieren oder unterstützen: Wer am Ende die Kontrolle behält". Bei SIGMA Communication beginnt diese Arbeit nicht mit einem Tool, sondern mit einer Bestandsaufnahme: welche Aufgaben im eigenen Haus wirklich standardisierbar sind, und welche eben nicht, so unbequem diese Antwort mitunter ausfällt.
KI übernimmt sinnvoll standardisierbare Aufgaben wie Layout und Produktion. Die journalistische Einordnungsleistung, das Gespür dafür, was eine Zahl wirklich bedeutet und was ein Zitat wirklich trägt, bleibt beim Menschen. Die eigentliche Frage für jede Organisation lautet deshalb nicht, wie viele Stellen KI ersetzt, sondern welche der verbleibenden Stellen noch die Zeit haben, genau hinzusehen.
Häufige Fragen
Vor allem standardisierbare Arbeit: Layout, Produktion, Routinemeldungen, Formatierung. Bei Bild und Spiegel betrifft der KI-bedingte Stellenabbau seit Mai 2026 genau diese Bereiche, nicht die redaktionelle Einordnung.
Dieselbe Trennlinie gilt dort: KI kann standardisierbare Kommunikationsaufgaben übernehmen, etwa Textbausteine oder Routineformate. Die Einordnung, welche Botschaft im konkreten Fall trägt und welche nicht, bleibt eine menschliche Aufgabe, auch im kleineren Unternehmen.
Nach der McKinsey-Studie "A New Future of Work" (Mai 2024) sind bis zu drei Millionen Arbeitsplätze in Deutschland bis 2030 von einer Veränderung durch KI betroffen, das sind rund sieben Prozent der Beschäftigung. Gemeint ist ein Wandel der Tätigkeit, kein pauschaler Verlust der Stelle.
Christian Gasche ist Journalist, Redenschreiber und Berater in Frankfurt am Main. Seit 1992 schreibt er für Unternehmen, Verbände und öffentliche Auftraggeber, seit 2002 unter eigenem Namen als SIGMA Communication. Heute richtet er Kommunikationsabteilungen darauf ein, KI in ihre redaktionellen Abläufe einzubauen, ohne die Verantwortung für das Ergebnis abzugeben. Mehr über Christian Gasche
Wie weit ist Ihr Haus beim Thema KI?
In den meisten Kommunikationsabteilungen arbeitet längst jemand mit KI, ohne dass festgelegt wäre, was damit das Haus verlassen darf. Im Erstgespräch klären wir, wo Sie heute stehen und welcher Schritt als nächster wirklich lohnt. Dreißig Minuten, kostenfrei, per Zoom, und ausdrücklich kein Verkaufsgespräch.