Der Zimmermann steht auf dem Dachstuhl, hebt das Glas und spricht einen Richtspruch in Reimen, den er seit Jahren kennt. Unten stehen Handwerker, Nachbarn, ein Lokalreporter und der Bauherr, der gleich reden soll und nicht recht weiß, wie lang. Hier entscheidet sich, ob so ein Termin in Erinnerung bleibt oder ob die Anwesenden nach vier Minuten aufs Buffet schielen. Eine Rede zum Spatenstich oder Richtfest ist keine Grundsatzrede. Sie ist kurz, konkret und für die Menschen gedacht, die vor einem stehen.
Wer die Rede selbst hält oder als Geschäftsführung, Pressestelle oder Bürgermeisteramt verantwortet, unterschätzt oft den Anlass. Im Mittelpunkt steht ein Moment, der ein halbes Dutzend sehr verschiedener Gruppen an einem Ort versammelt. Ein Redenschreiber fragt zuerst nach diesem Publikum, nicht nach den Quadratmetern.
Wer da eigentlich zuhört
Beim Spatenstich und beim Richtfest steht ein gemischtes Publikum vor der Bühne, und darin liegt die Schwierigkeit. Da sind die Gewerke: Maurer, Zimmerleute, Dachdecker, die Planer und die Bauleitung. Da sind die Nachbarn, die den Krach der nächsten Monate ertragen werden. Da ist die Presse, oft nur ein Fotograf und ein Mensch mit Notizblock, der einen Satz sucht, den er zitieren kann. Und bei Unternehmensbauten sitzen Mitarbeiter dabei, Kunden vielleicht, ein Landrat.
Diese Gruppen wollen Unterschiedliches hören. Der Handwerker will nicht das Wachstumsziel des Konzerns, er will wissen, dass seine Arbeit gesehen wird. Der Nachbar will spüren, dass jemand an ihn gedacht hat. Der Reporter will einen Satz. Eine gute Rede bedient nicht alle gleichzeitig, sie setzt Reihenfolge und Gewicht.
Der Aufbau: Anlass, Dank, ein Ausblick, Schluss
Ein brauchbares Gerüst hat vier Teile, und keiner davon ist lang. Zuerst der Anlass: Warum stehen wir hier, was entsteht, für wen. Zwei, drei Sätze reichen. Dann der Dank an die Gewerke und Planer, konkret und nicht als Aufzählung von Firmennamen, die niemand behält. Dann ein knapper Ausblick, was das Gebäude einmal bedeuten soll, für das Unternehmen, für die Stadt, für die Menschen darin. Und der Schluss, der zum eigentlichen Ritual überleitet.
Beim Spatenstich ist dieses Ritual das gemeinsame Graben mit dem Spaten, oft in unbequemer Kleidung und mit Helmen, die keinem passen. Beim Richtfest ist es der Richtspruch des Zimmermanns. Die Rede sollte diesen Übergang vorbereiten, nicht überlagern. Wer zwölf Minuten redet und dann den Zimmermann bittet, seinen Spruch aufzusagen, hat die Dramaturgie verkehrt herum gebaut.
Die Reihenfolge lässt sich variieren, das Prinzip nicht: Der Mensch im Publikum kommt vor der Institution. Erst der Dank an die, die schwitzen, dann der Blick nach vorn.
Zahlen dosieren, nicht schütten
Bauherren lieben Zahlen. Investitionssumme, Bruttogeschossfläche, Bauzeit, Anzahl der künftigen Arbeitsplätze. Das gehört in die Pressemappe, nicht in jeden zweiten Satz der Rede. Eine einzige gut gewählte Zahl bleibt hängen; fünf Zahlen hintereinander löschen sich gegenseitig aus.
Welche Zahl trägt? Meist die anschaulichste, selten die größte: eher die Zahl der Menschen, die hier bald arbeiten, als die Investitionssumme in Millionen, eher ein Vergleich, den sich ein Laie vorstellen kann, als die Bruttogeschossfläche. Ein Satz wie "hier entstehen Arbeitsplätze für rund 120 Menschen aus der Region" wirkt stärker als drei Nachkommastellen einer Fördersumme.
Die Presse greift ohnehin die eine Zahl auf, die zitierbar ist. Wer will, dass die richtige davon im Lokalteil steht, sagt sie langsam, einmal, deutlich. Der Rest steht schriftlich bereit.
Eine einzige gut gewählte Zahl bleibt hängen; fünf Zahlen hintereinander löschen sich gegenseitig aus.
Der Richtspruch gehört dem Zimmermann
Beim Richtfest ist der Richtspruch der feste, alte Kern des Ganzen. Der Zimmermann trägt ihn vom Dachstuhl aus vor, hebt das Glas, trinkt, wirft es hinunter; zerspringt es, gilt das als gutes Zeichen. Diese Tradition ist Handwerksbrauch, kein Programmpunkt, den die Geschäftsführung übernehmen sollte. Die Handwerkskammern beschreiben Herkunft und Ablauf des Richtfests für alle, die den Brauch vorher nachlesen wollen.
Wer die Rede hält, tut gut daran, diesen Teil nicht zu verwässern. Kein paralleles Vorstands-Statement, während der Zimmermann oben steht. Kein Kürzen des Richtspruchs zugunsten der eigenen Minuten. Die Rede des Bauherrn oder Bürgermeisters kommt davor oder danach, sauber getrennt. Das Ritual ist der Höhepunkt, nicht die Beilage.
Ein Detail, das oft schiefgeht: Der Redner kennt den Ablauf nicht und ist überrascht, wenn der Zimmermann plötzlich das Glas wirft. Vorher mit der Bauleitung sprechen, wer wann was macht. Ein Spatenstich ohne Absprache, bei dem vier Honoratioren gleichzeitig zu einer Schaufel greifen, liefert ein Foto, das keine Zeitung druckt.
Das Pressefoto ist Teil der Rede
Der Termin produziert ein Bild, und dieses Bild lebt länger als jedes gesprochene Wort. Beim Spatenstich der Griff zum Spaten, beim Richtfest die Runde unter dem geschmückten Richtkranz. Wer redet, sollte wissen, dass die Kamera den Moment nach der Rede sucht, nicht während. Ein zu langer Vortrag lässt das Licht schlechter werden und die Gäste ungeduldig.
Praktisch heißt das: die Schaufel-Szene oder den Kranz-Moment inszenieren, solange die Aufmerksamkeit da ist, statt sie ans Ende einer erschöpften Veranstaltung zu schieben. Die Rede leitet dorthin über. Ein guter Schlusssatz ist zugleich das Stichwort für den Fotografen.
Bei Unternehmensbauten lohnt sich hier eine Abstimmung mit der eigenen Pressestelle vorab, ähnlich wie bei einer Rede zur Hauptversammlung, bei der Vorstand und Kommunikation die Botschaften eng abstimmen. Der Spatenstich ist kleiner, aber die Logik ist dieselbe: Wer weiß, welches Bild und welcher Satz nach außen gehen sollen, redet gezielter.
Ein guter Schlusssatz ist zugleich das Stichwort für den Fotografen.
Typische Fehler, die den Termin kippen lassen
Zu lang. Das ist der häufigste. Vier bis sechs Minuten sind beim Spatenstich reichlich; wer im Freien bei Wind und Baulärm länger redet, verliert das Publikum an die Kälte. Beim Richtfest darf es etwas mehr sein, aber nicht viel.
Zu abstrakt. Reden, die von "zukunftsweisender Infrastruktur" und "nachhaltigem Wachstumspfad" leben, sagen den Handwerkern und Nachbarn nichts. Konkret werden: was gebaut wird, wer es baut, was es ändert.
Zu selbstbezogen. Bei Unternehmensbauten die Versuchung, die Firmengeschichte auszubreiten. Bei öffentlichen Bauten die Versuchung, den eigenen politischen Anteil am Projekt hervorzuheben. Beides riecht das Publikum sofort.
Und der Klassiker: falsche Namen und falsche Zahlen. Wer die beteiligte Zimmerei falsch nennt oder die Bauzeit durcheinanderbringt, blamiert sich vor genau den Fachleuten, die es besser wissen. Namen und Fakten vor der Rede gegenlesen lassen, von jemandem, der das Projekt kennt. Das ist keine Formsache. Wenn eine KI beim Entwurf hilft, gilt das doppelt: Sprachmodelle erfinden Namen und Daten mit großer Selbstsicherheit, und niemand merkt es, wenn nicht ein Mensch die Fakten gegen die tatsächlichen Projektunterlagen prüft, bevor der Text steht. Die Maschine liefert einen Rohentwurf; ob Namen, Zahlen und Ton stimmen, entscheidet weiterhin der, der oben steht.
Der Ton: nahbar, nicht anbiedernd
Die Sprache darf einfacher sein als bei einer Festrede im Saal. Draußen, mit Helm, neben einem Bagger, wirkt gehobenes Vokabular deplatziert. Kurze Sätze. Direkte Ansprache. Ein Satz Humor, wenn er passt, über das Wetter, über die Größe der Baugrube, über den eigenen Umgang mit der Schaufel. Kein Kalauer, aber ein Lächeln ist erlaubt.
Anbiederung dagegen fällt auf. Wer den Handwerkern erklärt, wie schwer ihr Job sei, ohne selbst je auf einem Gerüst gestanden zu haben, klingt hohl. Besser: schlicht Danke sagen und den Dank konkret machen. "Sie haben in vier Monaten aus einem Feld eine Baustelle gemacht, bei jedem Wetter" trägt weiter als jede Beteuerung von Wertschätzung.
Ein kurzes Beispiel, verfremdet
Eine mittelständische Firma, nennen wir sie Berger Kunststofftechnik, baut eine neue Halle am Ortsrand. Der Geschäftsführer beginnt so: "Vor einem Jahr stand hier noch Mais. Heute stehen hier Sie alle, und in einem Jahr steht hier eine Halle, in der 40 Kolleginnen und Kollegen arbeiten." Dann drei Sätze Dank an das Bauunternehmen und die Planer, mit Namen. Dann ein Satz zu den Nachbarn: "Ich weiß, dass die nächsten Monate laut werden. Melden Sie sich, wenn etwas ist; wir sind erreichbar." Dann die Überleitung zum Spaten. Gesamtdauer: knapp fünf Minuten.
Das ist keine Formel zum Abschreiben. Es zeigt nur, was passiert, wenn man beim Publikum anfängt und nicht bei sich selbst.
Wer eine solche Rede schreiben oder prüfen lassen will, findet Unterstützung beim Redenschreiben für Vorstände, Geschäftsführung und öffentliche Ämter. Und wer stattdessen vor einem ganz anderen Publikum steht, etwa vor Rekruten oder Angehörigen, findet die passende Logik im Ratgeber zur Rede zum Gelöbnis als Grußwort für Bürgermeister.
Die ehrlichste Frage vor jedem Spatenstich ist nicht, was man selbst sagen möchte. Sondern: Was soll der Zimmermann auf dem Dachstuhl über diese Rede denken, wenn er sein Glas hebt?
Häufige Fragen
Vier bis sechs Minuten reichen beim Spatenstich in aller Regel aus. Der Termin findet meist im Freien statt, oft bei Wind, Kälte oder Baulärm, und das Publikum steht. Wer länger redet, verliert die Aufmerksamkeit an die Umstände. Beim Richtfest darf es etwas mehr sein, aber der Richtspruch des Zimmermanns bleibt der Höhepunkt, nicht die Rede des Bauherrn oder Bürgermeisters.
Ein knapper Anlass (was entsteht, für wen), ein konkreter Dank an die Gewerke und Planer, ein kurzer Ausblick auf die Bedeutung des Gebäudes und eine Überleitung zum gemeinsamen Griff zur Schaufel. Die Reihenfolge: erst die Menschen, die bauen und die in der Nachbarschaft wohnen, dann die Institution und die Zahlen. Die Investitionssumme gehört in die Pressemappe, nicht in jeden zweiten Satz.
Der Richtspruch ist der feste, traditionelle Kern des Richtfests. Der Zimmermann trägt ihn vom Dachstuhl aus vor, hebt und leert das Glas und wirft es hinunter; zerspringt es, gilt das als gutes Zeichen. Dieser Brauch gehört dem Handwerk und sollte nicht durch ein paralleles Statement der Geschäftsführung überlagert oder gekürzt werden. Die Rede des Bauherrn oder Bürgermeisters kommt davor oder danach, sauber getrennt.
So wenige wie möglich. Eine einzige, gut gewählte und anschauliche Zahl bleibt hängen; fünf Zahlen hintereinander löschen sich gegenseitig aus. Meist trägt die vorstellbarste Zahl, etwa die der künftigen Arbeitsplätze statt der Investitionssumme mit Nachkommastellen. Die Presse greift ohnehin die eine zitierbare Zahl auf, deshalb sollte man sie langsam, einmal und deutlich nennen.
Zu lang, zu abstrakt und zu selbstbezogen. Dazu kommen falsche Namen der beteiligten Firmen und falsche Projektdaten, die sich vor den anwesenden Fachleuten sofort blamieren. Namen und Fakten sollten vor der Rede von jemandem gegengelesen werden, der das Projekt kennt. Wenn ein KI-Werkzeug beim Entwurf hilft, gilt das doppelt, weil Sprachmodelle Namen und Zahlen mit großer Sicherheit erfinden.
Christian Gasche ist Redenschreiber, Journalist und Berater in Frankfurt am Main. Seit 1992 schreibt er für Unternehmen, Verbände und öffentliche Auftraggeber, seit 2002 unter eigenem Namen als SIGMA Communication. Von 2019 bis 2021 gehörte er dem Präsidium des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache an. Mehr über Christian Gasche
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