Ratgeber

Das gleiche Modell ist kein Vorteil: Warum eigene Prozess-Tools den Unterschied machen

Laut MIT scheitern selbst gebaute KI-Systeme doppelt so oft wie gekaufte. Warum die Trennlinie trotzdem nicht zwischen kaufen und bauen verläuft, sondern woanders.

Christian Gasche Aktualisiert: 31.07.2026

„Die besten Unternehmen bauen ihre eigenen Werkzeuge." Diesen Satz führt der MIT-Bericht The State of AI in Business 2025 unter fünf Mythen auf und widerlegt ihn in einem Halbsatz: Eigenentwicklungen scheitern doppelt so oft. Gekaufte Lösungen von spezialisierten Anbietern schaffen es in rund 67 Prozent der Fälle in den produktiven Einsatz, intern gebaute in etwa 33.

Das ist ein Einwand gegen genau das, wofür dieser Teil der Serie wirbt. Er gehört an den Anfang, nicht in eine Fußnote.

Die Trennlinie liegt nicht zwischen kaufen und bauen

Der Ausgangspunkt bleibt trotzdem richtig. Ihr Wettbewerber hat Zugriff auf dieselben Sprachmodelle wie Sie, zu ähnlichen Preisen, seit ungefähr demselben Datum. Ein Abonnement ist kein Vorsprung; es ist eine Eintrittskarte. Und die wird zunehmend zur Massenware: Der Anbietermarkt konsolidiert sich, wie ein Beitrag im Forbes Technology Council nachzeichnet, wenige große Häuser decken bereits den Großteil des Unternehmensgeschäfts ab. Womit sich die Frage verschiebt: Was fängt man mit einer Eintrittskarte an, die alle haben? Was den Unterschied macht, entsteht erst darum herum: welche Quellen das System benutzen darf, welche Regeln für die Ausgabe gelten, wer freigibt, was passiert, wenn eine Behauptung falsch ist, und ob das Ergebnis am Ende dorthin fließt, wo damit weitergearbeitet wird.

Diese Arbeit kann Ihnen niemand abkaufen. Sie beschreibt Ihr Haus, nicht die Technik. Sie ist die dritte der vier Weichen aus dem Serienrahmen, und die einzige, bei der eine falsche Entscheidung erst nach der Rechnung auffällt.

Wer entscheidet, wann eine KI-Ausgabe gut genug ist, und wer sie freigeben darf: das steht außer Ihnen niemandem zur Verfügung.

Der Einwand, den man ernst nehmen muss

Zurück zu den 33 Prozent. Der MIT-Befund stimmt, und er ist teuer bezahlt worden, vermutlich von einigen tausend Projekten. Wer ein eigenes System baut, unterschätzt regelmäßig den Betrieb: Wartung, Aktualisierung, Ausfälle, die Frage, wer nachts um zwei zuständig ist, wenn nichts mehr läuft.

Nur beschreibt derselbe Bericht auch, woran die gekauften Lösungen scheitern. Unter Mythos vier steht die eigentliche Bremse: Die meisten KI-Werkzeuge lernen nicht dazu und fügen sich schlecht in bestehende Arbeitsabläufe ein. Sie können also beides zugleich haben, ein gekauftes Werkzeug und ein Projekt, das nirgends ankommt.

Die Trennlinie verläuft deshalb nicht zwischen kaufen und bauen. Sie verläuft zwischen dem Modell und dem Ablauf. Das Modell kaufen Sie, immer. Den Ablauf legen Sie fest, immer. Was dazwischen liegt, die Verbindung von beidem, ist die eigentliche Bauleistung, und deren Umfang reicht von einer sauber geschriebenen Anweisung bis zu einer eigenen Anwendung.

Ein Prompt gehört einer Person, ein Werkzeug dem Haus

Ein Prompt ist eine Bitte. Ein Werkzeug ist eine Entscheidung, die sich wiederholt, ohne dass jemand sie jedes Mal neu trifft.

Der Unterschied lässt sich an einer Frage festmachen: Was passiert, wenn die Kollegin, die den guten Prompt geschrieben hat, das Haus verlässt? Bleibt das Verfahren, oder geht es mit ihr? In den meisten Häusern, die schon länger mit KI arbeiten, existieren zwei Dutzend private Zauberformeln in ebenso vielen Notizdateien. Keine davon ist geprüft, versioniert oder für jemand anderen nachvollziehbar.

Ein privater Prompt hilft, solange die Person bleibt. Ein Werkzeug hilft, wenn sie kündigt.

Ein Werkzeug hat einen festgelegten Eingang, feste Regeln, eine geprüfte Ausgabe und eine Stelle, an der ein Mensch gegenliest, bevor etwas rausgeht. Ob das als Anwendung programmiert ist oder als dokumentiertes Verfahren mit Standardsoftware läuft, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass es das Haus überlebt.

Wie eine Prozesskette aus mehreren Systemen entsteht

In der Praxis besteht ein brauchbares Werkzeug fast nie aus einem einzigen Baustein. Für die Ratgeber auf dieser Website sieht die Kette so aus: ein Rechercheschritt, der Studien sucht und die Quellen prüft; ein Schreibschritt gegen einen vorher festgelegten Anspruch; ein getrennter Bewertungsschritt, der den Text benotet, ohne ihn selbst geschrieben zu haben; eine Prüfung, ob jeder Link tatsächlich existiert; und am Ende eine Oberfläche, in der ein Mensch liest, ändert und freigibt oder eben nicht.

Dass die Bewertung von der Produktion getrennt ist, ist kein technisches Detail, sondern der ganze Punkt. Ein Modell, das sich selbst benotet, findet sich meistens gut. Erst das getrennte Kriterium fängt die Fehler, die die erste Instanz übersieht.

Kein einzelner Anbieter liefert diese Kette, weil sie das redaktionelle Verfahren eines bestimmten Hauses abbildet und nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner eines Marktes. Die einzelnen Bausteine dagegen sind zugekauft, vom Sprachmodell bis zur Datenbank. Zusammengesetzt ist Eigenleistung; erfunden ist daran nichts.

Warum die Wahl des Modells in dieser Kette die am wenigsten wichtige Entscheidung ist, steht in Das Modell ist nicht die Strategie.

Die Schatten-KI läuft längst

Der MIT-Bericht hält noch einen Befund bereit, der in deutschen Häusern selten offen ausgesprochen wird. Während nur rund 40 Prozent der Unternehmen ein offizielles Abonnement für ein Sprachmodell gekauft haben, arbeiten Beschäftigte in weit mehr Häusern längst mit privaten Konten, an der IT vorbei, häufig mit besserem Ergebnis als die offiziellen Projekte.

Das ist keine Disziplinfrage. Es ist eine Auskunft darüber, wo der Bedarf wirklich sitzt.

Wer diese privaten Umwege verbietet, verliert die Information und behält das Risiko: Firmendaten liegen dann in Konten, auf die niemand Zugriff hat. Wer sie stattdessen aufnimmt und in ein geregeltes Verfahren überführt, bekommt beides, den Nutzen und die Kontrolle. Für den Umgang mit Daten und Modellen gibt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik brauchbare Hinweise, die keine Beratung ersetzen, aber eine Diskussionsgrundlage liefern.

Schatten-KI ist kein Regelverstoß, sondern die unbezahlte Marktforschung Ihrer eigenen Belegschaft.

Der Beweis muss im eigenen Haus stehen

Ich halte wenig davon, über selbst gebaute Werkzeuge zu reden, ohne welche zu haben. redenschreiben.ai, transkriber.de und das Redaktionssystem hinter dieser Website sind entstanden, weil kein Standardprodukt den jeweiligen Ablauf abgebildet hat. Was das gekostet hat, gehört zur Wahrheit dazu: Abende, Wochenenden, eine Reihe von Fehlern, die eine Anwendung schon einmal für Stunden lahmgelegt haben, und die Erkenntnis, dass zwei getrennte Arbeitsschritte oft besser sind als ein einziger cleverer. Am teuersten war die Lektion, dass ein Modell, das denselben Text schreibt und bewertet, kein Kritiker ist, sondern ein Fan.

Wer sich diesen Weg nicht antun will, hat gute Gründe. Dann bleibt die Aufgabe trotzdem bestehen, nur anders verteilt: den Ablauf festlegen, die Regeln aufschreiben, die Freigabe klären, und ein zugekauftes Werkzeug so weit anpassen, bis es dazu passt. Wie das im Rahmen einer Zusammenarbeit aussieht, steht auf der Seite zur KI-Beratung.

Ein Werkzeug, das den eigenen Ablauf nicht kennt, macht die Arbeit nicht schneller. Es macht sie nur woanders. Welche Vorgänge sich dafür zuerst anbieten und welche man besser noch liegen lässt, klärt der vierte Teil dieser Serie; welcher Vorgang überhaupt automatisch laufen darf, hat der zweite Teil beantwortet.

Gekauft oder gebaut, das ist am Ende die kleinere Frage. Die größere lautet: Wer in Ihrem Haus liest den Text, bevor er das Haus verlässt, und woran misst er ihn?

Häufige Fragen

Lohnt sich ein eigenes KI-Werkzeug oder sollte man kaufen?

Das Modell kauft man in aller Regel zu, den Ablauf legt man selbst fest. Die Frage ist also nicht kaufen oder bauen, sondern wie viel Verbindung zwischen beidem nötig ist. Das reicht von einer sauber dokumentierten Anweisung bis zu einer eigenen Anwendung.

Stimmt es, dass selbst gebaute KI-Systeme häufiger scheitern?

Ja. Der MIT-Bericht State of AI in Business 2025 nennt für gekaufte Lösungen eine Erfolgsquote von rund 67 Prozent gegenüber etwa 33 Prozent bei internen Eigenbauten. Derselbe Bericht nennt allerdings als Hauptbremse, dass die meisten KI-Werkzeuge nicht dazulernen und sich schlecht in bestehende Arbeitsabläufe einfügen.

Was unterscheidet ein Werkzeug von einem guten Prompt?

Ein Prompt ist eine einmalige Bitte, ein Werkzeug eine wiederholbare Entscheidung mit festgelegtem Eingang, festen Regeln, geprüfter Ausgabe und einer Stelle, an der ein Mensch freigibt. Die Probe aufs Exempel: Bleibt das Verfahren im Haus, wenn die Kollegin kündigt, die den guten Prompt geschrieben hat?

Was ist Schatten-KI und wie geht man damit um?

Schatten-KI bezeichnet die Nutzung privater KI-Konten durch Beschäftigte ohne Wissen der IT. Ein Verbot verlagert das Problem nur, weil Firmendaten dann in Konten liegen, auf die das Unternehmen keinen Zugriff hat. Sinnvoller ist, die tatsächlich genutzten Anwendungsfälle aufzunehmen und in ein geregeltes Verfahren zu überführen.